Helfen ohne Ende: Wie 24-Stunden-Pflegerinnen ausgebeutet werden
Der Roman beginnt fulminant und verstörend: Klara, Mutter einer elfjährigen Tochter und im vierten Monat schwanger, stürzt auf einer Wanderung über eine Böschung 50 Meter in die Tiefe – und stirbt. Einzige Zeugin des Vorfalls ist Paulína, eine Slowakin, die Klara nach dem Schlaganfall ihrer Mutter als Pflegerin angestellt hat.
Strukturproblem in der Altenpflege
War es Mord? War es ein Unfall? Es spielt keine Rolle. Dieses Buch ist kein Krimi. Es geht nicht darum, ob und warum jemand tot ist. Dieses Buch dreht sich vielmehr um die Bedingungen, unter denen osteuropäische Frauen in westeuropäischen Haushalten arbeiten, und um die strukturellen Probleme, die die Altenpflege hat. Klaras Tod dient dabei nur als dramaturgische Klammer für Susanne Gregors Roman.
Ausgangspunkt ist der Schlaganfall von Klaras Mutter Irene: Sie braucht dringend Betreuung. Klaras Familie kann diese aber nicht leisten. Klara ist als Architektin rund um die Uhr beschäftigt, ihr Mann Jakob fotografiert und möchte seine Freiheit nicht aufgeben. Zudem sind da eine pubertierende Tochter und gesellschaftliche Verpflichtungen. Also entscheidet sich Klara für eine 24-Stunden-Pflegerin.

Anfänglich läuft die Sache gut. Paulína findet rasch einen Draht zu Irene und schafft es, die unter ihrer Verwirrung leidende Frau zu beruhigen.
Paulína bekommt diverse «Nebenjobs»
Doch bald entdeckt Klaras Familie, wie praktisch es ist, eine Angestellte im Haus zu haben. Sei es als Haushaltshilfe oder für den Hund, der täglich hinausmuss.
Selbst für die Organisation einer Wohltätigkeitsveranstaltung, die Klaras Chef in Auftrag gibt und nun ausgerechnet in Klaras Haus stattfindet, muss der «slowakische Engel», wie Paulína einmal genannt wird, zur Verfügung stehen. Ohne zusätzliche Bezahlung versteht sich. Denn angestellt ist Klara eigentlich nur für die Pflege der alten Dame.
Feinfühligkeit für Zwischenmenschliches
Die Stärke in Gregors Roman liegt aber nicht nur in der Beschreibung der Ungereimtheiten und Grauzonen, die mit der 24-Stunden-Pflege verbunden sind. Die tatsächliche Stärke liegt in der Beschreibung des Zwischenmenschlichen: Die beiden Frauen trennen Welten. Es ist vor allem Klara, die Paulínas Welt nicht versteht.

Das hat mitunter auch eine komische Seite, etwa wenn Klara ihren Kleiderschrank ausmistet und Paulína ihre gebrauchten Designerkleider schenken will, die diese aber furchtbar findet. Es hat aber auch eine tragische Seite. Denn wenn jemand 24 Stunden am Tag verfügbar ist und trotzdem nicht gesehen wird, können die Dinge aus dem Runder laufen.
Graben der Ungleichheit
Susanne Gregor beschreibt das alles ohne Furor und Wut, sondern nüchtern und elegant in einer Sprache von präziserer Schönheit. Sie hat nie als Pflegerin gearbeitet und auch nie für jemanden Hilfe in Anspruch genommen. Nach Österreich ist sie bereits mit neun Jahren gekommen, kurz nach der Wende von 1989. Sie ist integriert, schreibt Deutsch und unterrichtet Deutsch für Fremdsprachige.
Die Erkenntnis aber, dass es in Europa immer noch einen Graben der Ungleichheit gibt, treibt sie um. Und steht am Anfang ihres Wunsches, den vielen Frauen, die bei uns gönnerisch «slowakische Engel» genannt werden, ein würdiges Denkmal zu setzen. Das hat sie mit diesem Roman getan.
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