Die Finanzmärkte fällten ihr Urteil schnell und ziemlich eindeutig, auch wenn die US-Börsen selbst schon geschlossen waren, als US-Präsident Donald Trump seine neuen Zollerhöhungen ankündigte. Denn die so genannten Futures, die auch außerbörslich gehandelt werden und einen Ausblick auf die kommende Börsensitzung geben, gaben deutlich nach. Die Futures auf den breiten amerikanischen Index S&P verloren 1,7 Prozent und die auf den techniklastigen Nasdaq-Indexes fast zwei Prozent. Gold legte dagegen deutlich zu, kletterte über 3150 Dollar je Feinunze. „Die Vergeltungszölle sind deutlich aggressiver als erwartet“, sagte der unabhängige Metallhändler Tai Wong.

Nicht nur er ist überrascht, auch die meisten Ökonomen und Wirtschaftsvertreter. Und sie sind größtenteils pessimistisch. Am drastischsten drückt es Carsten Brzeski aus, Chefvolkswirt der ING: „Die 1930er Jahre sind zurück“, sagt er. 1930 hatte der damalige US-Präsident Hoover im Zuge des Smoot-Hawley-Tariff-Acts die Einfuhrzölle auf viele Produkte erhöht, was letztlich der Auftakt für einen Handelskrieg war und die Große Depression der damaligen Zeit noch verschärfte.

Derzeit ist die konjunkturelle Ausgangslage eine deutlich bessere, die meisten Volkswirtschaften wachsen. Dennoch dürften die Folgen gravierend sein. „Wir gehen davon aus, dass sich das Wirtschaftswachstum in den USA und bei ihren Handelspartnern nach der Einführung von Zöllen abschwächen wird“, sagt Eiko Sievert von der Ratingagentur Scope.

Auch Außenhandelspräsident Dirk Jandura erwartet negative Folgen. „Ich sage es ganz offen: Das werden wir spüren“, sagte der Präsident des Bundesverbandes Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA). „Die Zölle werden wir in Preissteigerungen umsetzen müssen, und das bedeutet in vielen Fällen einen Umsatzrückgang.“ Das Ifo-Institut geht als Folge der Zölle von einem Export-Rückgang um 15 Prozent aus.

Bei kleineren Unternehmen, die schon geschwächt aus den letzten schwierigen Jahren gekommen seien, könne das auch das Aus bedeuten, fürchtet Jandura. Damit treffe es dann auch deren Arbeitnehmer. Solche Handelsbarrieren aufzubauen, schade aber definitiv beiden Seiten, warnte er. „Das ist eine wirtschaftliche Sackgasse, an deren Ende deutliche Wohlstandsverluste für beide Seiten des Atlantiks stehen.“

Die USA sind der wichtigste Handelspartner Deutschlands und der größte Abnehmer von Waren „Made in Germany“. Die deutschen Exporte in die weltgrößte Volkswirtschaft summierten sich im vergangenen Jahr auf mehr als 161 Milliarden Euro und erreichten damit einen Rekordwert. Die Vereinigten Staaten sind beispielsweise das größte Abnehmerland von Autos aus Deutschland: 13,1 Prozent aller exportierten neuen Fahrzeuge gingen im vergangenen Jahr dorthin.

Die Präsidentin des deutschen Verbandes der Automobilindustrie (VDA), Hildegard Müller, bezeichnete die neueste Zoll-Ankündigung daher als einen fundamentalen handelspolitischen Einschnitt. „Es ist die Abkehr der USA von der regelbasierten globalen Handelsordnung – und somit die Abkehr von der Grundlage für weltweite Wertschöpfung und entsprechendes Wachstum und Wohlstand in vielen Regionen der Welt. Das ist kein America first, das ist America alone“, erklärte sie.

Der VDA-Chefin zufolge stellen die angekündigten Maßnahmen eine massive Belastung sowohl für die Unternehmen als auch die globalen Lieferketten der Automobilindustrie dar. „Die Folgen der 25-Prozent-Zölle, die ab dem 3. April mindestens auf Pkw, leichte Nutzfahrzeuge und bestimmte Autoteile erhoben werden, sind noch schwer einzuschätzen“, so Müller. Klar sei allerdings schon jetzt, dass diese Entwicklung weltweit negative Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum haben werde und auch Arbeitsplätze koste.

Sie forderte, dass die EU stark auftreten müsse, aber gleichzeitig die Bereitschaft zu Verhandlungen signalisieren solle. „Die EU kann und muss dabei selbstbewusst agieren und alle Optionen auf den Tisch legen“, sagte die VDA-Präsidentin. Beispielsweise müsse die Geschwindigkeit und Entschlossenheit beim Abschluss von Freihandelsabkommen massiv erhöht werden. „Mit möglichst vielen Regionen in der Welt müssen hier konkrete Ergebnisse erzielt werden. Die EU muss jetzt Verfechter für den freien und fairen globalen Handel sein. Deutschlands und Europas Wirtschaft benötigt starke Allianzen und belastbare Netzwerke“, so Müller. Die EU könne sich jetzt als verlässlicher Partner positionieren.

Ähnlich sieht das Wolfgang Große Entrup, Hauptgeschäftsführer des Verbands der Chemischen Industrie (VCI). Er verlangt von der EU einen „kühlen Kopf“ bei der Reaktion auf die weitreichenden neuen Zölle der USA. „Die USA sind und bleiben ein zentraler Handelspartner für Deutschland“, sagte er. „Eine Eskalationsspirale würde den Schaden nur vergrößern. Unser Land darf nicht zum Spielball eines ausufernden Handelskrieges werden.“ Die EU müsse in ihrer Reaktion „flexibel und im engen Dialog mit Washington bleiben.“ Das Ziel müsse eine beidseitig faire Lösung sein – für Europa und die USA.

Die Frage ist, ob Trump daran interessiert ist. Denn zum einen sind die Zölle natürlich Verhandlungsmasse, so Salomon Fiedler, Ökonom bei der Berenberg Bank. „Für jedes mit Zöllen belegte Land hat die US-Regierung eine Liste mit angeblichen tarifären und nicht-tarifären Handelshemmnissen erstellt“, sagt er. „Dies sollte einen Einstiegspunkt in Verhandlungen bilden, um die Zölle wieder etwas zurückzudrehen.“

Doch gleichzeitig will Trump damit auch Einnahmen für den amerikanischen Staat generieren, um das riesige Haushaltsdefizit abzubauen. Die Regierung selbst schätzt die Einnahmen auf 600 Milliarden US-Dollar, also rund zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts pro Jahr. Das hält Eiko Sievert allerdings für deutlich zu hoch gegriffen. Zudem will Trump gleichzeitig die Steuern deutlich senken. Wie sich vor diesem Hintergrund die Haushaltslage der USA kurzfristig verbessern solle, sei daher fraglich.

China wird zum entscheidenden Faktor

Allenfalls das von Trump erklärte Ziel, die Regulierung zu lockern, könne kurzfristig das Wachstum in bestimmten Sektoren fördern. Mittel- bis langfristig erhöhe dies aber wiederum die Risiken. „Insbesondere die bevorstehende Deregulierung des Finanzsektors könnte die Risiken im Finanzsystem erhöhen“, so Sievert.

Entscheidend dafür, wie es mit der Weltwirtschaft in den kommenden Monaten weitergeht, dürfte aber vor allem China sein, meint George Saravalos von der Deutschen Bank. Die größte negative Überraschung sei zweifellos der Zollsatz von über 50 Prozent für Importe aus China, aber auch aus Vietnam gewesen. Denn Vietnam nutzen inzwischen viele Exporteure als Ausweichstandort.

Allein dadurch seien Industriegüter im Wert von insgesamt rund 600 Milliarden US-Dollar betroffen. Die Frage sei nun, wie China reagiere, so Saravelos: „Wird es versuchen, den Schock durch eine Abwertung des Yuan in den Rest der Welt zu ‚exportieren‘, um die Wettbewerbsfähigkeit der Waren wiederherzustellen und die Versorgung des Rests der Welt mit chinesischen Produkten umzulenken?“

Die Folge wäre dann, dass deutsche und europäische Unternehmen nicht nur mit zurückgehenden Exporten in die USA zu kämpfen hätten, sondern gleichzeitig auch mit noch größerer Konkurrenz durch chinesische Firmen. Es sei denn, die EU reagiert dann ebenfalls wieder, mit neuen Zollschranken gegenüber China. Willkommen in den 1930er Jahren.

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