Trump-Risiko und Einreise-Schikanen – Auf der Transatlantikroute droht der Einbruch
Die Politik des Isolationismus der Trump-Regierung sowie schikanöse Einreiseprozeduren führen offenbar dazu, dass viele Reisende auf USA-Trips lieber verzichten. Zu den ersten Betroffenen der Entwicklung zählen neben der amerikanischen Tourismusindustrie die Fluggesellschaften.
Ein Einbruch des lukrativen Transatlantikgeschäfts wäre für sie ein herber Verlust. Zu den besonders exponierten Airlines zählt die Lufthansa. Ihre Aktie ist seit Tagen auf Talfahrt.
Es war ein harmlos klingender Satz, mit dem Oli Byers, Finanzvorstand der britischen Fluggesellschaft Virgin Atlantic jüngst die schwelende Sorge an den Finanzmärkten in nackte Angst verwandelte. Man „beginne Signale einer verlangsamten US-Nachfrage zu sehen“, warnte er. Und es half nichts, dass er noch anfügte, dass man für das laufende Jahr noch immer auf wachsende Umsätze aus dem US-Geschäft hoffe. Unmittelbar nach dem Statement gingen an den Börsen die Aktien praktisch aller europäischen Fluggesellschaften auf Sinkflug.
Die British Airways-Mutter IAG, Air France-KLM und Lufthansa verbilligten sich zwischen 4,5 und sieben Prozent. Sogar die Titel der Billigflieger EasyJet und Ryanair gaben in ähnlichem Umfang nach – obwohl sie gar nicht in die USA fliegen.
Die Reaktion der Finanzmärkte fiel auch deshalb so heftig aus, weil Byers mit seiner Andeutung Befürchtungen zu bestätigen schien, die Luftfahrtanalysten schon länger hegten. Seit Tagen häufen sich Schreckensmeldungen von schikanösen Zuständen bei der Einreise in die USA. Reisende müssen offenbar damit rechnen, dass ihre Laptops, Tablets und Smartphones von Grenzbeamten durchsucht werden. Urlauber sollen gezwungen worden sein, die Geräte zu entsperren und die Inhalte preiszugeben.
Kritische Äußerungen über Trumps Politik können ausreichen, um USA-Besucher gleich wieder nach Hause zu schicken. Mindestens drei Deutsche wurden an der Grenze abgeschoben, einer saß sogar tagelang in Abschiebehaft. Das Auswärtige Amt hat seine Reisehinweise für die USA verschärft.
Dass sich das Risiko von Abschiebung oder gar Haft irgendwann in den Buchungszahlen niederschlagen würde, war keine allzu steile These. Wie dramatisch diese ausfallen können, zeigt das Beispiel Kanada. Nach wiederholten feindseligen Äußerungen Trumps an die kanadische Adresse ist dort die Freundschaft zum großen Nachbarn ins Gegenteil umgeschlagen. Es gibt Boykottaufrufe für amerikanische Waren. Vor allem aber wollen immer weniger Kanadier in den USA Urlaub machen.
Laut Daten des Luftverkehrsdatenanbieters OAG Aviation Worldwide sollen die Buchungen für Flüge zwischen Kanada und den USA im April im Vorjahresvergleich um rund 75 Prozent eingebrochen sein. Die Buchungen für den Mai entwickeln sich offenbar ähnlich verheerend. Die amerikanische Touristikbranche ist in Aufruhr. Nachrichtensender berichten in Sondersendungen über eine Stornowelle bei den Nachbarn, die im Sommer lieber woanders hinreisen.
Nun scheint die abgekühlte Amerikaliebe auch in Europa das Buchungsgeschehen zu drücken. Lufthansa-Chef Carsten Spohr hatte vor ein paar Wochen auf der Bilanzpressekonferenz noch von hervorragenden Aussichten seiner Airline gerade im USA-Geschäft gesprochen.
An dieser Aussage halte man auch immer noch fest, erklärt Lufthansa auf Anfrage. Zu den aktuellen Buchungszahlen und möglichen Einbrüchen wolle man hingegen nichts sagen. An Berichten über USA-Ängste und Stornierungen von Flügen kann die Airline auch kein Interesse haben.
Auch beim Urlaubsflieger Condor reagiert man beim Thema USA-Buchungen mit einer sibyllinischen Antwort. „Die Nachfrageentwicklung für Flüge in Richtung USA ist aktuell wie zu erwarten“, erklärt eine Sprecherin und lässt sich auch auf Nachbohren hin nicht zu einer konkreteren Aussage hinreißen. Man sehe derzeit eine stärkere Nachfrage nach Zielen in Afrika oder auch Asien, informiert sie stattdessen.
Offenbar schließt man bei der schon in der Vergangenheit stets rasch auf Marktveränderungen reagierenden Urlaubs-Airline nicht aus, dass die Trump-Krise auch zu Änderungen im Flugplan führen könnte. „Als international agierende Fluggesellschaft beobachten wir die Marktentwicklungen genau, um gegebenenfalls zu reagieren“, erklärt Condor. Einstweilen fordert die Airline ihre Kunden allgemein auf, sich vor ihrer Reise über die geltenden Einreisebestimmungen sowie die Reisehinweise für das jeweilige Zielland zu informieren.
Lufthansa auf USA-Flüge angewiesen
Der große Lufthansa-Konzern tut sich schwerer mit kurzfristigen Kurskorrekturen. Die Netzwerk-Airline mit dem Kranich im Logo befindet sich mitten in einem tiefen Turnaround-Programm, das nach einer enttäuschenden Geschäftsentwicklung die Zuverlässigkeit und Profitabilität wieder steigern soll. Eine zentrale Säule bilden dabei ausgerechnet die USA-Flüge, mit denen die Lufthansa das meiste Geld verdient.
Mit China ist gerade eine traditionell sehr starke Lufthansa-Destination weggebrochen. Die Airline hatte sich aus dem Markt zurückgezogen, weil sie nicht mehr wirtschaftlich mit den chinesischen Fluggesellschaften konkurrieren konnte. Denn diese überfliegen im Gegensatz zu den europäischen Airlines weiterhin den russischen Luftraum und können Flüge nach Fernost so schneller und zu niedrigeren Preisen durchführen.
Umso wichtiger sind für die Lufthansa die USA-Flüge. Neben deutschen Kunden transportiert die Lufthansa sehr viele italienische Kunden in die USA. Wegen der vielen Auswanderer sind die sogenannten „Friends and Relatives“-Verkehre zwischen den USA und Italien ein gut laufendes Geschäft, in dem die Lufthansa sehr stark positioniert ist. Mit der Übernahme der Ita hat der Konzern seine Präsenz in dem Land gerade noch einmal erhöht.
Während der Geschäftsreiseverkehr stagniert, füllen die Maschinen in zunehmendem Maße Privatreisende. Dies gilt immer mehr auch für die hochprofitablen vorderen Sitzklassen. Zugleich ist zu erwarten, dass gerade Freizeitreisende besonders empfindlich auf abschreckende Nachrichten reagieren und angesichts drohender Einreiseschikanen auf den New-York-Trip vielleicht erst einmal verzichten.
Steffen Fründt ist Wirtschaftskorrespondent der WELT und berichtet über Themen aus Luftfahrt, Sportbranche und Industrie.
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