Deutschland sucht das Super-Wachstum. Wirklich kreativ waren die zukünftigen Koalitionspartner von Union und SPD nicht. Die bisherige Bilanz: unendlich mehr Schulden, höhere Steuern und Wahlgeschenke. Woran es bisher gänzlich mangelt, sind harte Sparmaßnahmen. Dabei liegt das wahrscheinlich beste und effizienteste Wirtschaftsprogramm für Deutschland auf der Hand: eine radikale Reform der Rente.

Eine solche Reform müsste sehr konsequent umgesetzt werden. Und ja, sie wäre mit spürbaren Einschnitten verbunden. Unnötige Geschenke wie die Mütterrente und die Rente mit 63 müssten abgeschafft werden. Die Festsetzung der Haltelinie von 48 Prozent, wie sie die SPD fordert, dürfte nicht umgesetzt werden. Und gleichzeitig müsste eine neue Regierung das Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung knüpfen.

Der gesellschaftliche Aufschrei ist zwar programmiert. Doch ein Blick auf die Fakten unterstreicht die ökonomische Vernunft solcher Maßnahmen.

Die Rente mit 63 soll, so das oft genannte Argument, vor allem Menschen helfen, die in körperlich anstrengenden Berufen arbeiten. Es klingt ja auch logisch, dass jemand, der 45 Jahre auf dem Bau gearbeitet hat, früher in den Ruhestand gehen kann.

Eine DIW-Studie aus dem vergangenen Jahr kommt jedoch zu dem Schluss, dass ganz andere Gruppen profitieren: Statt des Bauarbeiters nutzt die Rente mit 63 vor allem die Führungskraft im öffentlichen Dienst. Statt der Krankenschwester greift viel öfter der Bankangestellte beim Angebot des Staates zu. Die Rente mit 63 ist ein Luxus, den wir uns nicht mehr leisten können – und auch gar nicht müssen.

Bei der Mütterrente wiederum stehen Kosten und Nutzen in keinem effizienten Verhältnis. Schon heute rechnet die Rentenversicherung mit Kosten für die Mütterrente für das laufende Jahr von 25 Milliarden Euro, und nun fordert die CSU in den Koalitionsverhandlungen eine Ausweitung – mit Kosten von weiteren fünf Milliarden Euro pro Jahr. Die Empfänger (es sind zu 98 Prozent Frauen) bekämen dann etwa 20 Euro im Monat mehr.

Zusätzliche Belastungen für kommende Generationen

Das Problem mit der Mütterrente ist seit jeher: Für die Zusatzleistung wurde nicht gezielt Geld in die Rentenkassen eingezahlt. Es sind also zusätzliche Belastungen für kommende Generationen. Kostet viel, bringt kaum etwas – sollten wir uns sparen.

Der größte ökonomische Irrweg ist die Forderung der SPD, das Rentenniveau bei 48 Prozent zu stabilisieren. Zusammen mit einer Ausweitung der Mütterrente dürfte der Beitragssatz deshalb von heute 18,6 Prozent auf bis zu 22,9 Prozent im Jahr 2040 steigen. Der Blick auf die Lohnzettel dürfte bei vielen noch düsterer ausfallen.

Vor allem sind es aber genau diese Maßnahmen, die das ohnehin schon überlastete System zum Bersten bringen. Es gibt keine Friedensdividende mehr. Im Gegenteil: Hunderte Milliarden Euro fließen ab sofort in die Verteidigung des Friedens und unserer Freiheit. Da wird es Zeit, das soziale Netz, das wir uns jahrzehntelang noch irgendwie leisten konnten, jetzt nicht noch weiter zu spannen. Die SPD sieht sich selbst immer noch als Volkspartei. Will sie diesem Anspruch gerecht werden, muss endlich Realismus über Klientelpolitik stehen.

Überfällig ist zudem eine Anhebung des Rentenalters. Die Lebenserwartung ist in den vergangenen fünf Dekaden um über zehn Jahre gestiegen. Ein 65-Jähriger von heute hat körperlich wenig mit einem 65-Jährigen von vor 20 Jahren gemeinsam. Und wie erwähnt: Eine alternde Gesellschaft wie unsere wird jede Arbeitskraft jenseits von 65 mit Kusshand aufnehmen.

So sähe sie also aus, die Renten-Revolution. Sie würde gleich mehrere wirtschaftliche Probleme lösen und der Ökonomie neuen Schub verleihen. Erstens: Das Rentensystem wird entlastet, weil mehr Menschen länger einzahlen. Zweitens: Der Fachkräftemangel wird abgefedert, weil mehr Menschen länger arbeiten. Drittens: Eine solche Reform ist ein Signal an kommende Generationen, dass Regierung und Land reformwillig sind. Es ist vielleicht der letzte Moment, den Exodus leistungswilliger junger Menschen aus der Bundesrepublik noch zu verhindern.

All das halten Sie für unrealistisch? Noch ist das Renten-Paket nicht geschnürt. Noch besteht Zeit, endlich echten Reformwillen zu entfalten. Vor allem die CDU sollte diese Chance dringend ergreifen. Sie kann auf diesem Wege Glaubwürdigkeit zurückgewinnen. Friedrich Merz kann beweisen, dass er sparen kann und zu wirklich grundlegenden Reformen bereit ist. Und er kann zeigen, dass er – nach all seinen Zugeständnissen an die SPD – auch den Sozialdemokraten einen echten und zukunftsweisenden Erfolg abringen kann.

Moritz Seyffarth ist Chefredakteur von „Business Insider Deutschland“.

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