Nein, idyllisch ist die Weltlage derzeit nicht. Vielleicht gerade deswegen beginnt Julie Delpy ihre achte Regiearbeit mit sanfter Musik und märchenhaften Worten: «Es war einmal in Paimpont …» Das bretonische Dorf Paimpont gibt es wirklich. Und das erste Gesicht, das uns in «Les barbares» anlächelt, hat ebenfalls einen direkten Realitätsbezug: Es ist dasjenige des aktuellen Staatspräsidenten Emmanuel Macron.

Wir befinden uns also mehr oder weniger in der Gegenwart. Etwas genauer: Im Frühling 2022, wie wir ein bisschen später feststellen werden. In Paimpont herrscht zwar nicht immer Harmonie – und doch wirkt das malerische Dörfchen wie aus dem Bilderbuch. Was nicht in erster Linie an der urwüchsigen Landschaft liegt, sondern an seiner typisch französischen Bevölkerung.

Legende: Ein Pariser Original auf dem Land: Albert Delpy, der Vater der Regisseurin, als Biobauer mit Leib und Seele. Frenetic Films

Angeführt wird diese von einem unsicher-soften, immer leicht verschwitzten Bürgermeister (Jean-Charles Clichet) und einer sozial überengagierten Lehrerin (Julie Delpy höchstpersönlich). Dazu gesellen sich zugezogene Sonderlinge vom linken und rechten Rand des politischen Spektrums: So hat ein Alt-Hippie aus Paris (wunderbar gespielt von Julie Delpys eigenem Vater Albert) in Paimpont genauso seine Heimat gefunden wie ein ausländerfeindlicher Klempner (Laurent Lafitte).

Nationsabhängige Nächstenliebe

«Ukrainer sind sehr gefragt auf dem Flüchtlingsmarkt», erklärt ihm der Bürgermeister unter vier Augen, daher müssten sie nun mit Syrern vorliebnehmen. «Ausgerechnet Araber!», denkt sich der konsequent Rassemblement National wählende Handwerker, was ihn dazu bewegt, eine Reihe fremdenfeindlicher Aktionen zu starten.

Legende: Ungelenke Willkommenskultur à la française für die Familie Fayad aus Damaskus. Frenetic Films

So sprayt er zum Beispiel «Raus mit den Barbaren!» auf die Hauswand der vom Krieg traumatisierten Neuankömmlinge, die der Film als säkular-gebildete Familie skizziert. Dass die Geflüchteten nicht in die geistigen Schubladen der Einheimischen passen, trägt sowohl zum Realismus als auch zur Komik des kurzweiligen Fünfakters bei. Überhaupt ist es Julie Delpy hoch anzurechnen, wie spielerisch leicht ihr die schwierige Verschränkung von dramatischen und komischen Elementen gelingt.

Wer sind die Barbaren?

«Les barbares» ist definitiv Delpys bisher politischster Film. Die sympathische Familie Fayad, welche vor Diktator Assad und dem Bürgerkrieg geflohen ist, hätte ebenso gut in Ken Loachs letzten Publikumsliebling «The Old Oak» gepasst. Die Einheimischen scheinen dagegen eher einer alten französischen Filmklamotte oder einem Asterix-Comic entsprungen zu sein.

Legende: Nationalist Hervé (rechts) hält sich selbst für bretonischer als alle anderen Einwohner. Frenetic Films

So rächt sich eine Bretonin brutal plakativ an ihrem untreuen Ehemann. Zuerst kauft die Gehörnte bei der Metzgerin, mit der sie betrogen wurde, eine lokale Spezialität ein. Diesen Fleischknüppel nutzt sie dann, um ihren Gatten auf offener Strasse zu verprügeln. Frei nach dem Motto: Rache ist Blutwurst! Was die Frage, wer hier die Barbaren sind, nicht nur aufwirft, sondern auch gleich beantwortet.

Holz und Vorurteil

Die spinnen, die Bretonen! «Les barbares» zeichnet die kauzigen Ortsansässigen bewusst als hölzerne Karikaturen. Am meisten Tiefe schreibt das von Julie Delpy mitverfasste Drehbuch noch ihrer eigenen Figur zu.

Legende: Stets auf der Suche nach dem richtigen Weg: Regisseurin und Aktrice Julie Delpy. Frenetic Films

Mit der links-grünen Lehrerin Joëlle, dem hyperaktiven Gewissen eines Ortes voller Idioten, wird sich das Kinovolk identifizieren können. Zumal ja die ganze Welt ein Dorf ist, in dem sich gerade so mancher in Ost und West auf dem Holzweg befindet.

Kinostart: 27.3.2025

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