Der "Tag der Befreiung" trifft Deutschland als Exportnation besonders empfindlich. Verbraucher können allerdings erst einmal auf sinkende Preise hoffen. Grund zur Freude gibt es trotzdem nicht.

Plötzlich ist Donald Trumps Unberechenbarkeit ein echter Grund zur Hoffnung. Denn jetzt kommt es darauf an, wie die Handelspartner der USA auf die pauschale Zollkeule des US-Präsidenten reagieren - und ob es zu einem seiner berüchtigten "Deals" kommt. Davon hängt auch ab, wie es mit der deutschen Wirtschaft weitergeht und ob hiesige Verbraucher mit Preisschwankungen rechnen müssen.

Am "Tag der Befreiung" verkündete Trump drastischere Zölle als befürchtet. Aus den erhofften individuellen Abgaben wurden 20 Prozent für Importe aus der Europäischen Union. EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen sprach von einem "schweren Schlag für die Weltwirtschaft" und kündigte eine "Antwort" an. "Wir bereiten uns jetzt auf weitere Gegenmaßnahmen vor, um unsere Interessen und unsere Unternehmen zu schützen, falls die Verhandlungen scheitern", sagte sie. Denn noch hoffen die Europäer auf eine Einigung. Es sei "noch nicht zu spät", betonte von der Leyen.

Zuletzt hatte die EU als Antwort auf Trumps Stahl-Zölle Abgaben auf zahlreiche amerikanische Produkte geplant, darunter Whiskey, Geflügel und Motorräder. Neben weiteren Gegenzöllen werden laut Kommissionskreisen nun Abgaben auf digitale Dienstleistungen von US-Unternehmen erwogen.

Zurückschlagen oder nicht?

Der Chef des Kiel Instituts für Weltwirtschaft (IfW), Moritz Schularick, hält Vergeltung für die richtige Strategie. "Im Umgang mit den USA können wir nicht mit Schwäche und vorauseilendem Gehorsam gewinnen, sondern müssen robust und klar auftreten", sagte er dem "Handelsblatt". "Unsere Gegenzölle schaden den Amerikanern viel mehr, als sie uns schaden." Der Ökonom kann sich vorstellen, dass Trump bei entsprechendem "Gegenwind" seine Zölle in einigen Wochen zurücknimmt.

Andere Stimmen warnen hingegen vor einer Eskalationsspirale durch vorschnelle Gegenzölle. Ifo-Chef Clemens Fuest etwa sagte der "Bild"-Zeitung: "Falls es zu einer Eskalation kommt, könnten die Schäden für die deutschen Exporte größer sein."

Mit seiner starken Exportorientierung ist Deutschland besonders von Trumps Zollkeule betroffen. Die USA sind Deutschlands wichtigster Handelspartner - vor China - und größter Abnehmer deutscher Exporte. Im vergangenen Jahr wurden Waren im Wert von rund 253 Milliarden Euro zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten gehandelt. Dabei lieferten deutsche Firmen Waren im Wert von gut 161 Milliarden Euro in die USA, gut zehn Prozent aller Exporte.

Exporteinbruch und Rezession drohen

Studien zufolge dürften die deutschen Warenexporte in die USA infolge der Zölle um etwa ein Fünftel sinken. "Der Schaden wird immens sein", sagte CDU-Außenpolitiker Jürgen Hardt ntv. Wie hoch er sein wird, sei schwer einzuschätzen. "Ich kann überschlägig nur sagen, es wird mit Sicherheit ein zweistelliger Milliardenbetrag sein, den unser Wirtschaftswachstum in Deutschland und Europa unter diesen Maßnahmen erleidet."

Das Ifo-Institut erwartet für die deutsche Wirtschaft "zunächst einen dauerhaften Rückgang des BIP um 0,3 Prozent", wie Handelsexpertin Lisandra Flach schreibt - wobei einige Schlüsselbranchen wie Pharma, Auto und Maschinenbau stärker betroffen seien. Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer schätzt, dass das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) über zwei Jahre insgesamt um ein halbes Prozent sinkt.

Der erhoffte Aufschwung der deutschen Wirtschaft im kommenden Jahr werde zwar nicht abgewürgt, aber gedämpft, erklärt IfW-Chef Schularick. "Ein, zwei Monate, in denen die Trump-Zölle in Kraft sind und die europäischen Vergeltungsmaßnahmen noch nicht greifen, sind zu verkraften. Anders sieht es aus, wenn die Amerikaner tatsächlich in die Rezession rutschen, dann haben wir eine neue Lage." Europa werde sich dann "anstecken": "Wenn die Amerikaner eine Grippe haben, bekommen wir zumindest eine schwere Erkältung." Und dass die USA nun in eine Rezession schlittern, ist laut dem Ökonomen "um einiges wahrscheinlicher geworden".

Der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, warnt sogar vor einer weiteren Rezession in Deutschland, wie er der Funke Mediengruppe sagte. Es wäre das dritte Rezessionsjahr in Folge.

Preisentwicklung in Deutschland noch unklar

Verbraucher können vorerst aber auf günstigere Preise hoffen. In den USA werden die Preise bei hohen Einfuhrzöllen deutlich steigen, denn ein Teil der Abgaben auf Importe wird an die Endkunden weitergereicht. "Der kurzfristige Effekt auf die amerikanischen Verbraucherpreise ist groß, nach unseren Berechnungen wird es einen Inflationsschub von mehreren Prozent in den USA geben", berichtet Schularick. In der EU dagegen würden die Preise seiner Prognose nach erst einmal sinken.

"Für Europa rechnen wir mit einem deutlichen Preisrückgang von bis zu minus zwei Prozent", rechnet der IfW-Chef vor. "Wenn unsere Exporte in den USA weniger nachgefragt werden, kommen mehr Produkte in Europa auf den Markt. Und auch chinesische Waren werden in den weiter offenen europäischen Markt drängen, das drückt die Preise." Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) rechnet ebenfalls mit sinkenden Preisen.

Die EU will hier jedoch gegensteuern. "Wir können weder globale Überkapazitäten absorbieren noch werden wir Dumping auf unserem Markt akzeptieren", sagte von der Leyen mit Blick auf Gegenzölle. Die Kommissionschefin warnte bereits vor höheren Preisen bei Lebensmitteln.

Auch der Einzelhandel befürchtet steigende Preise, falls die EU Vergeltungszölle erhebt. "Viele Handelsunternehmen werden Zollerhöhungen mindestens mittelfristig auch an die Endverbraucher in den Verkaufspreisen weitergeben müssen", sagt HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. "Denn meist sind die Margen im Einzelhandel niedrig, solche Beträge können nicht einfach abgepuffert werden." Alternativ dürften sich einige Handelsunternehmen nach neuen Lieferanten in anderen Ländern umsehen. "Doch auch dieser Prozess und der Aufbau neuer Lieferketten kostet Zeit und Geld", betont Genth. Die USA hätten etwa bei Cranberries oder Schalenfrüchten wie Walnüssen eine starke Stellung.

Welche Branchen der Zollhammer trifft

Bangen müssen daneben vor allem die deutschen Schlüsselindustrien: Auto- und Maschinenbauer sowie die Chemieindustrie. Auf die Autobauer kommen mit den bereits zuvor verkündeten Sonderzöllen von 25 Prozent besonders hohe Belastungen zu. Die USA sind beim Export deutscher Fahrzeuge das wichtigste Abnehmerland, rund 400.000 Fahrzeuge pro Jahr werden aus Deutschland in die USA geliefert. 13 Prozent aller deutschen Kfz-Exporte gehen nach Angaben der Deutschen Industrie- und Handelskammer dorthin.

Die deutschen Maschinenbauer exportierten im vergangenen Jahr Maschinen und Anlagen im Wert von 27,4 Milliarden Euro in die USA, das waren ebenfalls gut 13 Prozent der Branchenausfuhren. Die Chemieindustrie lieferte Erzeugnisse im Wert von 10,2 Milliarden Euro in die Vereinigten Staaten, ein Anteil von fast acht Prozent. Noch wichtiger ist der US-Markt für die deutsche Pharmabranche. 2024 gingen Waren im Wert von 27 Milliarden Euro und damit knapp ein Viertel der hiesigen Pharma-Exporte in die USA.

Nachdem die Branche bereits vor Versorgungsengpässen gewarnt hatte, folgte wenige Stunden später das Aufatmen. Medikamente sind nach Angaben des Verbands forschender Arzneimittelhersteller (VFA) vom neuen US-Zollpaket ausgenommen. Es sei aber nicht ausgeschlossen, dass Zölle auf Pharmazeutika möglicherweise in einer weiteren Runde kommen könnten. Unter die bisherigen Zölle fielen außerdem Vorprodukte wie sterile Schläuche, die in der Arzneiproduktion gebraucht würden.

Auch die Pharmariesen dürften somit auf einen weiteren von Trumps Kurswechseln hoffen. Ebenso ihre Beschäftigten: Die von den Zöllen gebeutelten Branchen müssen um Arbeitsplätze fürchten. Um wie viele, hängt nun von der weiteren Entwicklung im Handelskrieg ab. Die Chefin des Verbands der Automobilindustrie, Hildegard Müller, sagte, die Folgen der 25-Prozent-Zölle, die ab sofort auf Pkw gelten, seien noch schwer einzuschätzen. "Klar ist allerdings schon jetzt, dass diese Entwicklung weltweit negative Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum haben wird. Das wird auch Arbeitsplätze betreffen."

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