„Wir haben kein wirtschaftliches Problem, weil die Menschen bequem und faul sind“
Ver.di-Chef Frank Werneke warnt vor einer Ausweitung der Arbeitszeiten in Deutschland – jedenfalls in vielen Dienstleistungsberufen. „Dass es Tätigkeiten gibt, in den das möglich ist, bestreite ich gar nicht“, sagt der Vorsitzende der zweitgrößten Gewerkschaft hierzulande.
Und dass die künftige Bundesregierung freiwilliges Arbeiten im Rentenalter für bis zu 2000 Euro steuerfrei stellen will, störe ihn auch nicht. „Aber dieses Bild, dass die Leute zu bequem sind und sich einfach nur einen Ruck geben müssten und dann genauso gut 40 oder 41 Stunden arbeiten können, verkennt die Arbeitswirklichkeit in vielen, vielen Bereichen“, kritisierte Werneke vor der Wirtschaftspublizistischen Vereinigung Düsseldorf (WPV).
Dafür habe die Leistungsverdichtung zu stark zugenommen in den letzten Jahren. „Die Vorstellung, dass Menschen, die zum Beispiel Pakete zustellen, in der Abfallwirtschaft arbeiten oder in Kitas und in Krankenhäusern, einfach länger arbeiten und das einigermaßen unbelastet durchstehen bis zum Renteneintrittsalter, ist aus meiner Sicht komplett weltfremd.“ Noch dazu gehe nicht nur um körperliche Belastungen, sondern auch um psychische Stresssituationen.
Werneke verwies dabei auf die stetig steigende Zahl von Arbeitsunfähigkeitstagen aufgrund psychischer Erkrankungen. 2023 lag sie laut dem Psychreport der Krankenkasse DAK-Gesundheit bei 323 je 100 Versicherten, das sind so viele wie nie zuvor. Werneke zeigt daher Verständnis für das viel diskutierte Thema Vier-Tage-Woche.
„Ich kenne sehr viele Kollegen, gerade im Bereich Krankenhäuser und Kitas, die ihre Arbeit reduzieren, weil sie die Belastungs- und Stresssituation sonst nicht mehr aushalten.“ Und wenn Menschen eine solche Entscheidung treffen, sei dies auch zu respektieren.
Eine allgemeine Forderung ist die Vier-Tage-Woche indes nicht in der aktuell laufenden Tarifrunde für die rund 2,5 Millionen Beschäftigten im öffentlichen Dienst von Bund und Kommunen. „Wir haben dort keine Arbeitszeitverkürzung gefordert, obwohl es dafür allen Grund geben würde“, sagt Werneke.
Forderung nach vier zusätzlichen freien Tagen pro Jahr
Stattdessen habe man sich entschieden, neben einer Lohnerhöhung von acht Prozent zusätzliche freie Tage einzufordern. Gewerkschaftsmitglieder sollen vier Tage zusätzlich frei bekommen, alle anderen Arbeitnehmer drei Tage. Und das scheint derzeit der Knackpunkt in den Gesprächen mit der Arbeitgeberseite zu sein. Denn dort wird befürchtet, dass dies zu einer Einschränkung der öffentlichen Dienste führt.
Weil es nach drei Verhandlungsrunden keine Einigung in dieser Frage gab, haben die Vertreter von Bund und Kommunen die Tarifgespräche für gescheitert erklärt und ein Schlichtungsverfahren beantragt. Während dieser Zeit gilt ein Streikverbot.
Begonnen hat das Schlichtungsverfahren am Montag, wie Werneke berichtet. Die entsprechende Kommission unter Leitung des früheren hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch und des früheren Bremer Staatsrats Hans-Henning Lühr tagt an einem geheim gehaltenen Ort unter Ausschluss der Öffentlichkeit.
Binnen einer Woche nach dem Zusammentritt muss das Gremium intern eine Einigungsempfehlung abgeben. Diese ist nicht bindend und bildet lediglich die Grundlage für die Wiederaufnahme von Verhandlungen. Ver.di gehe mit dem Ziel in die Gespräche, ein Ergebnis zu erzielen, sagte Werneke vor der WPV. Ob dies möglich sei oder nicht, könne er noch nicht sagen. „Wir müssen abwarten, wie alles beginnt.“
Ver.di-Chef spricht von „gut gefüllter Streikkasse“
Insgesamt sei Ver.di aber gut für weitere Auseinandersetzungen gerüstet: „Wir haben eine gut gefüllte Streikkasse.“ Die Gewerkschaft könne Streiks im öffentlichen Dienst noch für eine längere Zeit durchstehen.
Zuletzt hatte es immer wieder Warnstreiks im öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) gegeben, also bei Bussen und Bahnen, aber auch bei der Müllabfuhr oder in Kitas, Krankenhäusern und Verwaltungen. Und bald könnten neuerliche Arbeitsniederlegungen drohen, sollte den Tarifparteien auf Basis der Einigungsempfehlung der Schlichter keine Übereinkunft gelingen. Dann droht ein flächendeckender und unbefristeter Arbeitskampf.
Ver.di gehörte zuletzt zu den streikfreudigsten Gewerkschaften, so jedenfalls ist die öffentliche Wahrnehmung. Wohl auch durch die vielen Berufsgruppen, die von der Organisation mit aktuell knapp 1,9 Millionen Mitgliedern vertreten werden. Zumal diese Berufsgruppen große Bedeutung für das öffentliche Leben haben. „Der Hotspot der deutschen Tarifpolitik hat sich verlagert“, beschreibt Werneke. Noch vor Jahren habe er eher in der Stahlindustrie oder bei den Zeitungsdruckereien gelegen.
Heute seien es Flughäfen, der Busverkehr oder die Warenverteilzentren der Einzelhandelskonzerne und im öffentlichen Dienst Krankenhäuser und Kitas. Und das habe System. „Wir bauen neue Zentren des tarifpolitischen Handelns auf, die dann auch eine Leuchtturmfunktion haben.“ Und das komme an. „Es gibt in den Dienstleistungsberufen ein neues Selbstbewusstsein, sich zu organisieren und zu streiken.“
Kritik daran wischt Werneke beiseite. Ebenso den Vorwurf, dass in Deutschland mittlerweile zu wenig gearbeitet werde. Ökonomen hatten zuletzt vorgeschlagen deswegen einen Feiertag zu streichen. Das könnte das Bruttoinlandsprodukt um fünf bis fast neun Milliarden Euro steigern, hat das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) ausgerechnet.
Großes Potenzial bei Teilzeitbeschäftigten
Werneke hält von dieser Idee gar nichts. „Aus meiner Sicht arbeiten die Menschen nicht zu wenig“, sagte der Gewerkschafter. Außerdem gebe es ein Recht auf Erholung. „Hier wird an der falschen Stelle herumgedoktert. Wir haben kein wirtschaftliches Problem in Deutschland, weil die Menschen bequem und faul sind, sondern aufgrund verschiedener externer Faktoren. Und wir haben das Problem, dass das Erwerbstätigenpotenzial nicht genug ausgeschöpft wird.“
So gebe es hierzulande rund 2,9 Millionen Menschen ohne Schulabschluss, die – wenn sie nicht erwerbslos sind – in schlecht bezahlten Jobs verharren und nicht so produktiv sind, wie es für die Gesellschaft notwendig ist.
Zudem sieht Werneke großes Potenzial bei Menschen, die aktuell in Teilzeit arbeiten. Wer dort mehr arbeiten wolle, werde von zwei Faktoren gehemmt: Zum einen gebe es in manchen Bereichen überhaupt keine Vollzeitjobs, etwa in vielen Segmenten im Einzelhandel, zum anderen sei vielen aufgrund von Pflege- oder Kindererziehungssituationen ein Vollzeitjob überhaupt nicht möglich.
„Das sind die Hauptthemen, an denen die politisch Verantwortlichen ansetzen müssen, um zu einem hohen Erwerbsanteil zu kommen, bevor darüber nachgedacht werden sollte, einen Feiertag zu kürzen.“
Carsten Dierig ist Wirtschaftsredakteur in Düsseldorf. Er berichtet über Handel und Konsumgüter, Maschinenbau und die Stahlindustrie sowie über Recycling und Mittelstandsunternehmen.
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