Der Stahlkonzern Salzgitter drängt verstärkt in den Rüstungsbereich. „Das ist ein gutes und einträgliches Geschäft, das wir ausbauen können und werden“, sagte Vorstandschef Gunnar Groebler bei der Vorlage der Jahresbilanz. Geopolitische Spannungen würden neue Maßstäbe an die Verteidigungsfähigkeit setzen. „Der Bedarf an Stahl, Sicherheitsstahl und Sondergütern steigt.“ Und weil laut der Europäischen Union (EU) vor allem hiesige Anbieter zum Zuge kommen sollen, habe Salzgitter gute Chancen.

Der Konzern aus der gleichnamigen Stadt in Niedersachsen ist bereits Lieferant für die Rüstungsindustrie, über konkrete Mengen schweigt sich das Unternehmen allerdings aus. Groebler spricht von einem „zurückhaltenden Geschäft“. Das soll sich ändern. Dafür hat Salzgitter nun eine „Task Force Verteidigung“ gegründet, die konzernweit Aktivitäten koordinieren und der Industrie gebündelt Angebote machen soll. Da geht es dann zum Beispiel um Rohre für Schusswaffen oder um beschussfeste Grobbleche für Fahrzeuge, um im Kriegsfall die Passagiere darin zu schützen. „Secure“ heißt die entsprechende Sicherheitsstahl-Serie der Salzgitter-Tochter Ilsenburger Grobblech.

Markenrechte und Produktbezeichnungen für Secure wie auch das dazugehörige Produktions-Know-how hat Ilsenburger einst von Konkurrent Thyssenkrupp übernommen. Anders als Salzgitter setzt Deutschlands größter Stahlhersteller nicht auf neue Rüstungsgeschäfte, jedenfalls nicht über Fregatten und U-Boote hinaus, die der Konzernbereich Thyssenkrupp Marine Systems baut. Die Mengen im Bereich Sicherheitsstahl seien nicht groß genug, sagte Thyssenkrupp-Stahlchef Dennis Grimm jüngst bei der Branchentagung „ZukunftStahl“. „Für uns als Unternehmen ist das kein Impuls, da wieder entsprechend zu investieren.“

Anders bei Salzgitter. Gespräche mit zum Beispiel der Bundeswehr laufen bereits, sagt Groebler. „Wir versuchen, weitere Zulassungen zu bekommen.“ Dazu sind sogenannte TL-Zertifizierungen nötig, TL steht dabei für „Technische Lieferbedingungen“. Das allerdings erfordert Geduld, wie Groebler berichtet. „Es gibt noch eine gewisse Asynchronität zwischen der Geschwindigkeit, mit der die Politik gerade das Thema Verteidigung vorantreibt, und der Geschwindigkeit, mit der die entsprechenden Verwaltungen die notwendigen Voraussetzungen schaffen, also zum Beispiel, wie schnell Freigaben erteilt werden.“

Groebler hofft nun, dass die jüngsten Beschlüsse von Bundestag und Bundesrat zu einem mehrere Hundert Milliarden Euro umfassenden Sondervermögen für Investitionen in die Landesverteidigung und in Infrastruktur als Beschleuniger wirken. Ohnehin verspricht sich der Manager gute Geschäfte durch das Extra-Geld, auch über das Thema Rüstung hinaus. Partizipieren könne Salzgitter etwa beim Bau von Brücken, bei der Ertüchtigung der Deutschen Bahn und deren Schienennetz oder beim Aufbau eines Leitungsnetzes für Wasserstoff.

Die Infrastruktur-Milliarden könnten sich als Konjunkturpaket für den Standort Deutschland im Allgemeinen und für die Stahlindustrie im Besonderen erweisen, so die Hoffnung. „Das Sondervermögen muss aber schnell in der Industrie ankommen“, mahnt Groebler. Und gleichzeitig dürfe es notwendige strukturelle Reformen nicht verdecken, etwa in den Bereichen Steuern, Sozialsysteme und bei der Bürokratie.

Salzgitter will Sparkurs weiter verschärfen

Aktuell leidet Salzgitter unter der schwachen Konjunktur, niedrigen Stahlpreisen bei gleichzeitig hohen Energiekosten und unter Billigimporten aus Drittstaaten. „Es fehlt an Vertrauen aufseiten der Unternehmen mit Blick auf Investitionsentscheidungen“, meldet der im S-Dax börsennotierte Konzern. Und die Entwicklung in den wichtigsten Abnehmerbranchen sei weiterhin von hoher Unsicherheit und schwacher Dynamik geprägt. 2024 sank der Umsatz um 800 Millionen auf jetzt noch zehn Milliarden Euro, unter dem Strich stand dabei ein Verlust von fast 350 Millionen Euro, beeinflusst allerdings von Wertberichtigungen, Rückstellungen und Restrukturierungskosten.

Der ohnehin eingeschlagene Sparkurs wird daher weiter verschärft, kündigt Finanzvorständin Birgit Potrafki an. Statt der bislang angepeilten 250 Millionen Euro sollen nun 500 Millionen Euro erzielt werden, vor allem durch Anpassungen im Einkauf sowie in der Logistik und im Vertrieb. Und auch Investitionen würden daraufhin überprüft, ob sie zwingend notwendig sind oder nicht. Einher geht zudem ein Stellenabbau. „Wenn man Effizienzvorteile hebt, dann hat das am Ende auch eine Wirkung auf Arbeitsplätze“, räumt Vorstandschef Groebler ein.

Keine Kürzungen soll es beim Aufbau der Grünstahl-Produktion geben. Das bereits laufende Umbauprogramm werde wie geplant umgesetzt, die Produktion des CO₂-armen Stahls unter der Marke „Salcos“ innerhalb der nächsten 18 Monate anlaufen. „Daran rütteln wir nicht.“ Auch die Finanzierung sei gesichert. Bei dem rund 2,3 Milliarden Euro teuren Projekt wird die klassische Hochofenroute mit Koks und Kohle durch eine sogenannte Direktreduktionsanlage ersetzt, die im Idealfall mit grünem Wasserstoff betrieben wird.

Carsten Dierig ist Wirtschaftsredakteur in Düsseldorf. Er berichtet über Handel und Konsumgüter, Maschinenbau und die Stahlindustrie sowie über Recycling und Mittelstandsunternehmen.

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