Köln – London in vier Stunden? Das sind die großen Pläne für den Eurostar
Bis zur Abfahrt des ES 9008 nach Paris Nord sind es um 7.20 Uhr noch gute 40 Minuten. Doch die Sitzplätze im Wartebereich für Eurostar-Passagiere im Londoner Bahnhof St. Pancras International sind schon fast bis auf den letzten Platz gefüllt.
In der Sandwichkette „Pret a Manger“ an einem Ende des Abfahrtsbereichs wartet mehr als ein Dutzend Reisende geduldig darauf, Kaffee zu bestellen. Geschäftsreisende, internationale Touristen, Schülergruppen, eine junge Familie – immer mehr Menschen kommen durch die Sicherheitskontrolle in den Abfahrtsbereich und warten darauf, dass das Abfahrtsgleis für den Zug, eine Ebene höher gelegen, geöffnet wird.
16 Züge fahren im März unter der Woche jeden Tag von London nach Paris. Hinzu kommen neun Verbindungen nach Brüssel Midi, drei dieser Züge verkehren weiter nach Amsterdam. In den Wintermonaten kommen am Wochenende Abfahrten nach Bourg-Saint-Maurice in den französischen Alpen hinzu. Entsprechend gut ausgelastet ist der internationale Abfahrtsbereich von St. Pancras.
Bald könnte es hier noch deutlich geschäftiger werden, denn von London aus sollen bald zahlreiche weitere Destinationen auf dem europäischen Festland ohne Umsteigen zu erreichen sein. Ziele in Deutschland zählen dazu, außerdem Destinationen in der Schweiz sowie weitere französische Metropolen.
So sehen es die Planungen von London St Pancras Highspeed vor, dem Betreiber des Bahnhofs im Londoner Norden und der Schnellbahn-Gleisstrecke auf britischer Seite bis zur Einfahrt in den Kanaltunnel bei Folkestone in Kent, und Getlink, dem Unternehmen hinter dem Tunnel.
„Wir sind sehr daran interessiert, attraktive Gelegenheiten für Reisen mit niedrigen Emissionen voranzutreiben, mit einer Reihe von Zielen in Deutschland, der Schweiz und Frankreich“, sagt Yann Leriche, Vorstandschef von Getlink. Die Partnerschaft des Konzerns, der auch den Bahn-Shuttle für Pkw und Lkw unter dem Ärmelkanal betreibt, mit London St Pancras Highspeed sei dafür entscheidend. Beide Seiten haben vereinbart, dass sie zusammenarbeiten wollen, um „die internationalen Bahnverbindungen zwischen Großbritannien und Europa auszubauen.“
Aktuell mit Umsteigen in fünf Stunden von Köln nach London
In Deutschland gelten Köln und Frankfurt als attraktive Ziele, die von London direkt angesteuert werden können. Zwischen Köln und der britischen Hauptstadt verkehren Züge schon heute, mit einem Umstieg in Brüssel. Knapp unter zwei Stunden dauern die beiden Teilstrecken, die gesamte Fahrt addiert sich aber – wegen des Umstiegs und der Anschlussverbindungen – meist auf gut fünf Stunden.
Im direkten Verkehr seien dagegen Fahrzeiten von vier Stunden gut möglich, erwarten Beobachter. Frankfurt könnte in rund fünf Stunden zu erreichen sein. Daneben gelten Zürich, Genf, Lyon, Marseille und Bordeaux als attraktive Ziele für durchgehende Verbindungen.
Bisher bietet nur die Eurostar Group Verbindungen von der Insel nach Westeuropa an. Das Unternehmen betreibt seit 2022 neben den Zügen von und nach London unter diesem Markennamen auch die früheren Thalys-Strecken, Schnellzüge zwischen Paris und Belgien, den Niederlanden, dem Rhein-Ruhr-Gebiet und der Schweiz.
Die französischen SNCF hält mehr als die Hälfte an dem Konzern, weitere Anteilseigner sind die belgische Bahn SNCB sowie die institutionellen Investoren Caisse de dépôt et placement du Québec und Federated Hermes Infrastructure.
Über fehlende Nachfrage muss Eurostar nicht klagen. 19,5 Millionen Passagiere hat das Unternehmen im vergangenen Jahr befördert, ein Plus von fünf Prozent im Vergleich zum Vorjahr. „Eurostar hat sein starkes Wachstum 2024 fortgesetzt und die bisherigen Passagierrekorde gebrochen“, sagte Vorstandschefin Gwendoline Cazenave.
Das Interesse an internationalen Bahnverbindungen bleibe hoch. Ein lukratives Geschäft ist das für den Konzern. 2023 erwirtschaftete Eurostar damit 122 Millionen Pfund (146 Millionen Euro) Reingewinn aus 1,3 Milliarden Pfund Umsatz. „Eurostars solide Leistung scheint auf bestem Weg, sich auch 2025 fortzusetzen“, urteilte Marcin Wojtal, Analyst der Bank of America, in einer Beurteilung der börsennotierten Getlink.
Eurostar investiert in neue Züge
Eurostar peile erhebliches weiteres Wachstum an, betonte Cazenave. Ziel sind mittelfristig 30 Millionen Fahrgäste auf den Strecken. Dafür hat der Konzern Investitionen in 50 zusätzliche Züge angekündigt, die insbesondere auch auf den Großbritannien-Verbindungen zum Einsatz kommen sollen.
Hier ist die Nachfrage zuletzt besonders deutlich gewachsen. Über 60 Prozent der zusätzlichen 850.000 Passagiere im vergangenen Jahr sind von oder nach London gefahren.
Sowohl auf den bestehenden als auch auf den diskutierten neuen Destinationen könnte Eurostar seine bisherige Monopolstellung jedoch bald verlieren. Seit dem Start der Bahnverbindungen von London aufs europäische Festland 1994, damals noch aus dem Bahnhof Waterloo südlich der Themse, bietet kein anderer Anbieter Züge auf der Strecke an.
Inzwischen bekunden zwei weitere Unternehmen ein deutliches Interesse. Die Virgin Group von Richard Branson, die mit der Tochter Virgin Atlantic im Reisegeschäft vertreten ist, hat angekündigt, in ein Dutzend Hochgeschwindigkeitszüge für den Verkehr durch den Tunnel investieren zu wollen.
Auch Evolyn hat beim französischen Hersteller Alstom Bestellungen in gleicher Größenordnung speziell für die Kanalunterquerung aufgegeben. Hinter Evolyn, einer Neugründung für den europäischen Hochgeschwindigkeitsverkehr, stehen die spanische Unternehmerfamilie Cosmen und der britische Transportanbieter Mobico.
Der Kanaltunnel ist nach Angaben der Bahnbetreiber heute nur rund zur Hälfte ausgelastet. Entsprechend groß ist das Interesse bei Getlink und London St Pancras Highspeed, zusätzliche Betreiber anzulocken.
Mit dem nächsten Fahrplan werden direkte Züge von London an den Main oder den Genfer See aber noch nicht angeboten. Bahnexperten weisen auf die Fristen bis zur Lieferung von Zügen hin, außerdem auf die zahlreichen Sicherheitsgenehmigungen, die für einen grenzüberschreitenden Bahnbetrieb regelmäßig notwendig werden. Die Deutsche Bahn hat vor einigen Jahren ein London-Projekt aufgrund des umfangreichen Genehmigungsprozesses entnervt aufgegeben.
2030 gilt als optimistisches Ziel, zu dem zusätzliche Anbieter starten könnten. Für die Eurostar Gruppe, die über entsprechende Genehmigungen verfügt, wäre das früher möglich. Hier bremst vor allem die fehlende Kapazität am Bahnhof St. Pancras.
Sie liegt heute bei 1800 Passagieren in der Stunde für den internationalen Verkehr, dabei bleibt kaum noch Puffer. Begrenzend wirken vor allem die Sicherheitskontrollen, die ähnlich wie am Flughafen laufen, und die Passkontrollen. An den Endbahnhöfen der Strecke werden in zwei Schritten die Dokumente der Zugpassagiere jeweils für die Aus- und die Einreise geprüft. Nach einem Check des Reisepasses durch die Beamten der britischen Einwanderungsbehörde folgt direkt die Prüfung durch deren französische Kollegen.
Als der internationale Abfahrtsbereich in St. Pancras 2007 eingeweiht wurde, waren diese Schritte noch deutlich schneller möglich als seit dem Brexit 2020, mit dem der zeitliche Aufwand zugenommen hat. Zeitweise konnten die Züge nicht mehr voll besetzt fahren, weil die Abfertigung an Grenzen stieß.
Laut der Agentur Active Thinking, von London St Pancras Highspeed mit einer Studie zu Kapazität und Kundenerlebnis beauftragt, lässt sich das Reisenden-Limit ohne bauliche Veränderung um ein Drittel auf 2400 Personen in der Stunden ausbauen. Zusätzliches Personal und mehr Abfertigungsmöglichkeiten für die Gepäck- und Passkontrolle könnten die höhere Zahl in drei bis vier Jahren möglich machen.
Eurostar hat auch Angebote gestrichen
Auf längere Sicht könnte die Kapazität auf knapp 5000 Reisende dann noch einmal verdoppelt werden. Dafür müsste der internationale Bereich des Bahnhofs allerdings grundlegender umgestaltet werden.
In den vergangenen Jahren hat Eurostar sein Angebot eher zurückgestutzt. Disneyland Paris wird seit Sommer 2023 nicht mehr direkt angefahren, die Bahnhöfe Ashford und Ebbsfleet in Kent werden von den Schnellzügen nicht mehr angefahren. Letztere Entscheidung begründet das Unternehmen mit dem erheblichen zusätzlichen bürokratischen Aufwand wegen des Brexits. Neu hinzugekommen ist 2018 die Verbindung nach Amsterdam.
Beim Ausbau der Verbindungen spielen aber nicht nur Kapazitätsgrenzen und regulatorische Zulassungsfragen eine Rolle. Mindestens so entscheidend ist das Interesse der Reisenden, statt einem Kurzflug eine Bahnfahrt zu wählen. Bis zu fünf Stunden gelten Verkehrswissenschaftlern als attraktive Fahrzeiten, insbesondere wenn der Bahnhof einfacher zu erreichen ist als ein Flughafen.
Zwischen London und Brüssel beziehungsweise Paris ist der Eurostar regelmäßig sehr gut ausgelastet. Zwei Stunden Fahrzeit in die belgische Hauptstadt, zwanzig Minuten mehr bis Paris sind attraktiv, die Reise beginnt und endet im Stadtzentrum, ohne langen Transfer zum Flughafen. Dennoch gibt es heute in beide Städte wieder zahlreiche Flugverbindungen, denn sie sind oft deutlich günstiger.
Claudia Wanner schreibt von London aus für WELT über die Wirtschaft in Großbritannien.
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