Propaganda? Ukrainische Stimmen rügen den World Press Photo Award
Das ist passiert: Die Jury des renommierten World Press Photo Award steht in der Kritik. Der Vorwurf: Sie hätte russische Propaganda ausgezeichnet. In den sozialen Medien und in einem Artikel der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» («FAZ») äussern Fotojournalistinnen und -journalisten aus der Ukraine und Georgien ihre Bedenken zu manchen Gewinnerfotos und einer fragwürdigen Bildkombination – sie seien von der Auswahl enttäuscht.
So lautet die Kritik: Einerseits stören sich die kritischen Stimmen – darunter auch der ukrainische Fotografenverband – daran, dass erstmals seit Beginn des Angriffskriegs russische Fotografen auf der Gewinner-Liste stehen, darunter ein Mitarbeiter der staatlichen Agentur TASS. Die georgische Reporterin Mariam Nikuradze sagte dazu gegenüber der «FAZ»: «Ein Fotograf von TASS – ausgezeichnet als Dokumentär des Protests gegen russischen Einfluss? Das ist empörend.»

Bedenken wegen Bildkombination: Andererseits beanstanden die Kritiker die Kombination zweier Bilder, die ihrer Ansicht nach nicht direkt nebeneinander gezeigt werden sollten. Beide Fotos sind in der Ukraine und im Zusammenhang mit dem russischen Angriffskrieg entstanden. Auf dem einen Bild ein Kind, ein unschuldiges Opfer des Krieges, auf dem anderen ein erwachsener russischer Soldat. Das kann als Relativierung der Aggression Russlands interpretiert werden. Mit der Aussage: «Im Krieg leiden alle, egal ob Angreifer oder Angegriffene».

Das sagt die Expertin: Nadine Wietlisbach, Direktorin im Fotomuseum Winterthur, stuft die Vorwürfe als «sehr gravierend» ein und sieht auch die Gegenüberstellung «sehr kritisch». Wietlisbach: «Ich kann die Vorwürfe aus einer fotografietheoretischen Perspektive und vor dem Hintergrund aktueller Fragen rund um ethische Bildpraxen gut nachvollziehen.» Dass ein russischer Soldat in einem Foto als Jesus nach der Kreuzabnahme inszeniert werde, entspringe einer Tradition des Tagesjournalismus, die auf einem westlichen Blick beruhe. «Ich halte das im Grundsatz für eine sehr fragwürdige Form der Bildtradition», meint Wietlisbach. Aus einer heutigen Perspektive könne man infrage stellen, ob dies noch zeitgemäss sei und wem man damit in die Hände spiele.

Was sind die Folgen? Für die ukrainische Kuratorin Kateryna Radchenko steht fest, dass sie die diesjährige Ausstellung des World Press Photo Award in der Ukraine nicht durchführen wird. Radchenko ist Gründerin der Odesa Photo Days und langjährige Ausstellungspartnerin des Wettbewerbs. 2022 war sie selbst Mitglied der Jury.
Wie reagiert die Jury auf die Vorwürfe? World Press Photo hat auf die Kritik teilweise reagiert. Die Organisation erkennt den russischen Angriffskrieg ausdrücklich an. Ein speziell einberufenes Gremium untersucht nun mögliche Regelverstösse. Eine Aberkennung des Preises wird in Betracht gezogen, heisst es im FAZ-Artikel. Die Kritik an der Kombination der oben genannten Aufnahmen weist World Press Photo zurück. Sie ermögliche einen «tieferen, nuancierteren Blick auf einen Konflikt mit weitreichenden globalen Auswirkungen». Laut Einschätzung von Nadine Wietlisbach kann die Debatte eine Einladung darstellen – dazu, «sich mit unterschiedlichen Rollen-Verständnissen, Privilegien und Hintergründen» rund um Pressebilder auseinandersetzen.
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