Bryan Ferry schlägt ein neues Kapitel auf
Die Autorin ist zum "Loose Talk" mit Bryan Ferry verabredet. Und auch wenn das Album exakt so heißt und er es mit der Künstlerin Amelia Barratt aufgenommen hat, kommt ihr ihr "Loose Talk" mit dem Angebeteten doch mindestens genauso cool vor.
Ein Gespräch mit einem der schönsten Männer der Musikgeschichte. Mit einem der coolsten. Und, wie sich jetzt herausstellt, mit einem der wahrhaftigsten, innovativsten, forever jüngsten Musiker aller Zeiten. Die Journalistin kann ihr Fan-Dasein schwer verstecken, auch wenn sie sich redlich um Objektivität bemüht - aber wie soll das gehen, wenn sie einem fast 80-Jährigen gegenübersitzt, der sagt, er würde nun ein neues Kapitel in seinem Leben aufschlagen?
"Mein erstes Album von Roxy Music war 'Flesh and Blood'", beginne ich dann auch einen Monolog, in dem ich Mister Ferry erkläre, was er für dolle Musik gemacht hat. Er lacht zum Glück freundlich, geduldig und weise, er ist es wahrscheinlich gewohnt, dass Journalistinnen sich vor ihm zum Volltrottel machen, und lauscht geduldig meiner Story von der ersten LP aus London bis zum Anhören seines neuesten Werkes, weshalb wir uns schließlich zum Interview verabredet haben.
Seine Stimme ist so rau, so filigran, wie man es von seiner Musik gewohnt ist. Jetzt hat er etwas Neues gewagt - Kino für das innere Auge - und er ist begeistert von seiner Zusammenarbeit mit der jungen Künstlerin Amelia Barratt. Sie findet, "Loose Talk" ist ein Gespräch zwischen zwei Künstlern, er sagt: "Wir haben gemeinsam etwas geschaffen, das keiner von uns allein schaffen könnte."
Etwas ganz anderes
Und dann sagt er etwas, das einfach nur wohltuend ist, das Hoffnung macht: "Für mich hat sich hiermit ein ganz neues Kapitel meiner Arbeit eröffnet." Mit fast 80. Ferry geht täglich in sein Studio in London und "tüftelt" dort herum, wie er es nennt. Er hängt dort ab, er macht Musik, er trifft sich mit Freunden und Künstlern. Er macht das, was er schon immer geliebt hat, und er hat vor, es weiterhin zu machen. Wie tröstlich, und eine Art, mit dem Alter umzugehen, die so weit weg ist von dem, was andere Menschen in Ferrys Alter so tun. Vorausgesetzt also, man bleibt gesund, spricht nichts dagegen, seiner Leidenschaft lange treu zu bleiben. Irgendwie beruhigend, findet die Journalistin, die dem Altern momentan nicht so viel abgewinnen kann.
53 Jahre also, nachdem Brian Ferry mit dem Debütalbum von Roxy Music einen Meilenstein der Musik abgeliefert hat, und zehn Jahre nach seinem Album "Avonmore" ist sein neuestes Projekt etwas ganz anderes als alles, was man von ihm kennt. Wenngleich der typische Ferry-Sound überall durchschimmert. Auf "Loose Talk" aber hören wir hauptsächlich Amelia Barratt sprechen. Und das ist schön, es ist meditativ, auch wenn man sich ein wenig nach Ferry verzehrt, der den Zuhörenden hier und da ein paar Brotkrumen hinzuwerfen scheint. Andererseits - und das ist nicht ganz unwichtig - ist "Loose Talk" tief in Ferrys Werk des letzten halben Jahrhunderts verwurzelt. "Was für mich ganz neu war, war dieses Vertrauen, das ich zu Amelia aufgebaut habe. Mit ihr habe ich diese Art der Zusammenarbeit, die sich am besten mit 'Hand in Hand' beschreiben lässt", lächelt er.
Amelia Barratt, die sich selbst als "Malerin, die auch schreibt" bezeichnet, ist die Stimme auf dem Album. Es besteht aus elf Texten, sowohl fragmentarisch als auch in sich geschlossen, die an Stellen verschwommen wirken und dann doch konkret werden. Und da, wo es zu abstrakt zu bleiben droht, da setzt Ferry ein, sphärisch fast, im Hintergrund, und durch das Leise dann doch so weit im Vordergrund, dass Amelias Stimme sporadisch in der Weite verschwindet. Fast mantraartig klingt es oftmals, wenn sie liest, und wer sich darauf einlässt, der wird belohnt mit dem, was schon Kinder als "inneres Augen-Kino" kennenlernen, sofern sie ein wenig fantasiebegabt sind: Es wird cineastisch, die Musik wird zu Bildern.
Wie in einem guten Film
Wo haben sich der Musiker und die Künstlerin kennengelernt? "Oh, das war in einer Galerie", erzählt Ferry fast verträumt. Ferry war fasziniert, als er erfuhr, dass Barratt parallel zu ihrer Malerei auch schreibt und Performance-Kunst anbietet: "Und dann fand ich auch noch heraus, dass wir beide einen Kunsthochschul-Hintergrund haben." Er studierte in den 1960er-Jahren Malerei an der Newcastle University, Barratt an der Glasgow School of Art und an der Slade School of Art. Sind zu viele Gemeinsamkeiten aber nicht auch langweilig? "Ja", lacht er, "aber davon kann bei uns keine Rede sein. Es gibt so viele Unterschiede zwischen uns, das macht das Projekt für uns beide zu Neuland."
Und was ist der wichtigste Aspekt dieser Zusammenarbeit? "Dass das Schreiben aus der Perspektive einer Frau erfolgt", so Ferry, "und dass es von jemandem kommt, der aus einer anderen Generation stammt". Außerdem sei es die Art und Weise, wie Amelia "Every-Day-Things" in poetische Worte fassen könne, ergänzt Ferry, die sie so faszinierend mache. Er liebe es ohnehin, zu lesen, sagt er und zählt seine Lieblingsautorinnen, Silvia Plath und Dorothy Parker, auf. "Manchmal weiß man nicht wirklich, warum man jemanden mag, aber man spürt, dass die Person - oder ihr Werk - zu einem passt. Manchmal kommt dann alles zusammen, wie in einem guten Film."
Sie kennen sich bereits seit 2019 - seitdem "helfen" sie einander aus, mit Worten, mit Noten, mit Erfahrung, mit Neugier. Ferry ist auf jeden Fall sehr busy - auch wenn es nach außen den Eindruck machen mag, dass er sich rar macht. "Finde ich gar nicht", sagt er, lacht und hält sein Album "Retrospective" hoch, "das Beste aus 50 Jahren". "Ich hatte eine kleine Roxy Tour, vor drei Jahren", ergänzt er, "aber ich gebe zu: Ich bin seit einiger Zeit lieber im Studio, hier kann ich vor mich hintüfteln." Ferry und Barratt sitzen übrigens bereits an der Fortsetzung von "Loose Talk".
Aus Monologen wird ein Duett
Wie gesagt, Bryan-Ferry- und Roxy-Music-Fans kommen auf "Loose Talk" auf jeden Fall auf ihre Kosten. Sie werden davon fasziniert sein, bisher ungehörte Privataufnahmen und Songskizzen aus Ferrys gesamter Karriere zu Ohren zu bekommen, von denen die frühesten aus den Anfängen der 1970er stammen. Die grundlegenden Bausteine für viele Tracks sind dabei rudimentäre Tonbänder, die Ferry mit einem Kassettenrekorder allein zu Hause mit seinem Klavier aufgenommen hat. Wir hören also, wenn er auf "Stop" drückt oder mit dem Fuß den Rhythmus vorgibt.
Auch Barratt arbeitet zu Hause oder in ihrem Studio - am Ende hat man das Gefühl, dabei gewesen zu sein. Auf die groben Demos hat Ferry in seinem Studio dann neue, hochmoderne Verfeinerungsschichten aufgetragen, indem er die Tracks umgestaltet, verbessert und überarbeitet, bis sie dem Geist von Barratts Texten entsprechen, erzählt er ntv.de. Immer an der Seite der beiden Künstler: Musiker, von denen einige schon seit Jahren mit Ferry zusammenarbeiten.
Ferrys Musik und Barratts Texte haben ihre eigenen Codes, und wenn sich diese Codes überschneiden, entdeckt das Album seine eigene Sprache - zwei Monologe werden zu einem Duett. Für Ferry war "Loose Talk" eine befreiende Erfahrung, die er genauso als Kunstprojekt betrachtet wie ein neues Album. Man kann das Album nicht einfach so nebenbei hören, es zwingt einen geradezu, sich Zeit zu nehmen. "Loose Talk" zieht den Zuhörenden in seinen Bann, und wer sich darauf einlässt, wird mit seinem eigenen Kopfkino belohnt.
Der Ferry-Sound
Es ist nichts für den schnellen Konsum, aber wer einen Tipp haben möchte: "White Noise", "Stand Near Me", "Orchestra" und "Loose Talk" - bei diesen Stücken kommt der Bryan-Ferry-Sound am meisten zur Geltung. Natürlich kann der Sänger nicht sagen, wie er diesen typischen Ferry-Sound jemals kreiert hat - "wenn ich das wüsste", lacht er, "und offen gestanden mag ich es viel mehr, wenn es immer anders klingt". Seine Arbeitsweise? "Alles beginnt am Klavier, dann arbeite ich mich vor. Oft zusammen mit anderen Musikern. Es fasziniert mich immer wieder, nach all den Jahren, dass es noch immer so funktioniert", erklärt er. "Bei Loose Talk" war es neu für mich, dass ich die Worte von jemand anderem mit meiner Musik versehe, das habe ich vorher noch nie getan."
Wie hat sich Bryan Ferrys Musikgeschmack in den vergangenen Jahren oder - besser gesagt - Jahrzehnten, verändert? "Ich höre inzwischen mehr Klassik. Es ist tatsächlich nicht gelogen, wenn ich sage, dass ich wirklich sehr viel Musik in meinem Leben gehört habe, unterschiedlichster Art, und ich habe wirklich allem etwas abgewinnen können. Aber inzwischen ist es doch die Klassik, die mich am meisten fesselt."
Im September wird er 80. Da ich da auch Geburtstag habe, werde ich mich wohl am besten wieder mit ihm verabreden, denn vielleicht wird er in Berlin feiern. "Ich liebe das Grill Royal. Und das Borchardt. Und die Paris Bar", sagt er, "da könnte ich mal wieder hingehen". Ich schlage ihm vor, etwas abseits des Mainstreams zu schauen, er lacht. Oh yeah ...
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