Zum Start der Klassiker-Saison hat sich ntv.de statt einfacher Kost mal einen Vorkriegs-Exoten gegönnt und den für die 1930er Jahre innovativen Tourer ausgeführt. Resümee: Das Fahren mit dem Adler 2,5 Liter ist anspruchsvoll, aber macht Spaß.

Innovation ist auch immer eine Frage der Zeitepoche. So würde sich heute niemand mehr übermäßig wundern, wenn die neueste Kreation eines Autoherstellers betont rund gestylt wäre. Anders 1937, als die von Heinrich Kleyer gegründeten Frankfurter Adlerwerke, die mit Fahrrädern und Schreibmaschinen zu wirtschaftlicher Potenz kamen, ihren "Typ 10" herausbrachten.

Damals gehörte Aerodynamik nämlich nicht zu den wichtigsten Positionen im Lastenheft. Dabei geht es keineswegs bloß um Effizienz, sondern auch um Geschwindigkeit. So dürfte der fast 90 Jahre alte Adler nicht unbedingt einen Spritspar-Rekord aufstellen, aber bei der Maximalgeschwindigkeit ist er richtig gut. Er schwingt sich mit entsprechendem Anlauf trotz magerer 58 PS auf fast 130 km/h auf, was ihm den Spitznamen "Autobahn" eingebracht hat.

Revolverschaltung gab es nicht nur in Ente und Renault 4

Aber so performant der Adler auch erscheint angesichts seines Alters, so mühevoll lässt er sich heute bewegen. Wobei auch hier der Kontext zu betrachten ist, denn für ein Vorkriegsfahrzeug fährt er wiederum halbwegs entspannt. Und bevor ich jetzt auf all die Details automobiler Vorkriegs-Innenarchitektur eingehe (kommt später), möchte ich lieber vom Fahren erzählen.

Beziehungsweise - das muss etwas zelebriert werden: In der Phase zwischen dem Anlassen des geschmeidig laufenden Reihensechszylinders und dem unmittelbaren Losfahren springt dem unbedarften Fahrer plötzlich eine kleine Besonderheit ins Auge. Richtig, die Ingenieure haben dem majestätischen Adler eine Revolverschaltung eingepflanzt. Klingelt etwas? Genau, hier wird exakt so geschaltet wie bei der guten alten Ente.

Also los, erster Gang mit etwas Gefühl einlegen und Kupplung langsam kommen lassen. Sorge, dass man den 2,5 Liter großen Sechsender abwürgt, braucht man nicht zu haben. Das hinreichend große Mengen Drehmoment freisetzende Viertakter-Benzinkraftwerk trifft auf eine recht kurze Getriebeübersetzung, also fährt die Limousine sogar ziemlich zackig los.

Und dann Gangwechsel. Hochschalten gelingt elegant, während das Herunterschalten mit etwas mehr Gefühl erfolgen muss. Also ruhig doppelt Kuppeln und etwas Zwischengas geben, damit es nicht über Gebühr knirscht (komplett ohne knirschen wird schwierig) in Ermangelung an Synchronisation. Das Getriebe angemessen zu bedienen, ist aber nicht die einzige Herausforderung. Den rund 1,3 Tonnen schweren Adler mit dem riesigen Lenkrad in der Spur zu halten, ist keine triviale Aufgabe. Die Federtechnik vorn - Elliptikfedern, eine spezielle Art der Blattfeder - stammt noch aus Kutschenzeiten, und die hintere Pendelachse lässt das urige Auto ziemlich über den Asphalt wanken. Die Lenkung mit Schneckengetriebe, immerhin aus dem Hause ZF, müsste eigentlich Peilung heißen.

Immerhin gibt es hydraulische Stoßdämpfer. Und sogar die Bremsen arbeiten bereits hydraulisch. Doch Vorsicht. Der Adler fährt so schon nicht sauber geradeaus, eine kräftige Bremsung macht die Situation kaum besser - mal ganz abgesehen davon, dass die Verzögerungsfähigkeit eher schwach ausfällt. Also bitte schön vorausschauend fahren.

Der Reihensechszylinder läuft geschmeidig

Dafür ist der ruhig laufende Motor ein Genuss. Und man fühlt sich mit dem Adler gemessen am limitierenden Fahrwerk auch alles andere als untermotorisiert. Du bist einfach gemächlicher unterwegs, fährst sowieso nicht auf letzter Rille. Hier geht alles langsamer, das Beschleunigen, das Lenken und das Wechseln der Übersetzungen. Im Adler-Kosmos zieht der mit seitlichen Ventilen und Stirnrädern (wartungsarm und zuverlässig) aber recht kräftig weg, auf niedrigem Niveau eben. Zeitgenössisch betrachtet muss der Frankfurter ein Geschoss gewesen sein.

Und das war er sicherlich schon allein optisch. Mit den in die Fahrzeugfront integrierten Scheinwerfern (Stromlinie) war der "Autobahn" ein Hingucker und ist es selbst heute noch. Innen mutet die Limousine kaum unspektakulärer an mit diversen Instrumenten - das allein ist schon Luxus - eingelassen in die blecherne Armaturentafel. Hier gibt es die Klassiker wie Kraftstofffüllstand und Wassertemperatur, aber auch den Öldruck sowie eine Uhr. Und als markantes Rundinstrument in der Mitte hockt die bis 140 km/h reichende Tachoskala.

Auch hinten mitzufahren, bereitet Freude

Neben dem Fahrerplatz ist die zweite Reihe sicherlich die zweitbeste Möglichkeit, im Adler unterzukommen. Denn hier herrscht jenes Maß an Clublounge-Atmosphäre, das sich viele Autofahrer von ihrem Vehikel wünschen, wenn sie unterwegs Richtung Urlaubsziel sind. Schön auf die belederte Bank fläzen und die Aussicht nach draußen genießen. Nicht, dass der Platz hier üppig wäre, aber das Gefühl ist irgendwie luftig.

Es macht aber auch Spaß, den Adler lediglich von außen anzusehen. Denn mit ihm zu verreisen, hat durchaus unpraktische Züge. Das äußerlich zugängliche Fach unterhalb der "Brezelheckscheibe" ist nicht etwa Gepäckraum, sondern Unterbringungsmöglichkeit für das Ersatzrad, während das Gepäck umständlich von innen in das Fahrzeug gehievt werden muss.

Und generell ist der Viertürer (die Portale sind optisch auffällig an der B-Säule angeschlagen) auf Dauer anstrengend zu fahren und er braucht außerdem ständig ein strenges Auge auf die Technik. Stimmen Öldruck und Wassertemperatur? Passt der Zustand der Bremse?

Doch schon der Blick auf die aufwändig gestalteten, fein aussehenden Felgen samt chromblitzender Blenden lässt alle Unzulänglichkeiten dieses besonderen Klassikers schlicht vergessen.

Wer übrigens einen solchen erwerben will, sollte mit knapp sechsstelligen Beträgen rechnen. Und Wartezeit mitbringen, denn es wurden zwar über 5000 Exemplare des "Autobahn" gebaut, aber davon sollen keine 100 mehr existieren, wenn man sich umhorcht. Nach einer ausgiebigen Tour mit einem perfekt erhaltenen Exemplar aus dem fahrzeugflottenmäßig bunt gemischten Einbecker PS.Speicher pilotiere ich den 4,64 Meter langen Tourer vorsichtig wieder zurück und bringe ihn heil ins Depot. Einstand in die Klassiker-Saison gelungen, kann man sagen.

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